Mieder und Korsetts 1890 bis 1960

Galerieausstellung bis 8. Januar 2017

Die Mode und das Schönheitsideal

Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Mode ein Phänomen der oberen wohlhabenden Sozialschichten. Für alle anderen bot die Mode lediglich Anregungen zur Nachahmung. Hierbei verfügte jede Epoche über eigene Vorbilder. Von der schlanken Kleopatra über die füllige Marylin Monroe bis hin zur klapperdürren Kate Moss. Unsere Vorstellung vom angeblich perfekten Körper schwankt zwischen dürr und mollig mit flacher oder stattlicher Brust. Mode legt fest, was als besonders weiblich gilt.

Seit dem späten 19. Jahrhunderts entzogen sich einige Frauen aufgrund von Reformbestrebungen und Warnungen aus der fortschrittlichen Ärzteschaft bewusst dem Modediktat des eng geschnürten Korsetts. Gegen die gesundheitsschädigende Schnürung des Oberkörpers propagierte u. a. der „Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“ das lockerer fallende Reformmieder.

Mode schafft und definiert einen fiktiven Körper, der das Schönheitsideal bildet und die normierte Konfektion bedient. Hierbei spielen Medien, wie Ratgeber und Werbung, aber auch die Theologie, die Medizin und die Biologie eine besondere Rolle, die von der Mehrheit der Gesellschaft ohne zu hinterfragen, übernommen und akzeptiert wird.

Schnür dich zusammen, Liebling!

Das über dem Unterhemd geschnürte Korsett verlieh dem weiblichen Oberkörper durch Fischbein- oder Stahlstäbchen sowie durch die Schnürung die gewünschte modische Figur: schmale kurze oder lange Taillen sowie platt gedrückte Brüste oder betont große Busen.

Während die eleganten Frauen der Renaissancezeit besonders flache Korsetts, um ihren Busen zu verdecken, wurde die Brust im 18. Jahrhundert im Dekolletė verführerisch zur Schau gestellt.

In den 1860er Jahren entsprach der Kauf eines preisgünstigen industriell gefertigten Schnür-Korsetts etwa dem Wochenlohn einer Fabrikarbeiterin.

Das eng geschnürte Sanduhr-Korsett der 1860er Jahre wurde abgelöst durch eine stark verlängerte (Kürass-)Taille Mitte der 1870er Jahre, die die hochgeschobene Brust betonte.

Um 1900 erschien erstmals in der Mode die Frauensilhouette ohne Bauch mit einer geraden Vorderpartie des Leibes – im Ausgleich dazu drückte sich der Po deutlich nach außen vor. Diese ‚Gänsebrustansicht‘ verstärkte sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert weiter und deformierte die Brust.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelte sich das Korsett zum Mieder, das aus weicheren Materialien bestand. Erst in den 1930er Jahren wurde die Mode wieder figurbetonter, was sich im körpermodellierenden Korselett zeigte, das an seinem unteren Rand die Strümpfe hielt. In den 1950er Jahren wurden mit der Wespentaillenmode die enger anliegenden Korsetts wieder modern. In den 1960er Jahren verschwand das Korsett endgültig aus der Mode – sieht man einmal von der Fetischmode mit ihren erotischen Assoziationen ab.

Tugendhaft schwanger

Bis in die 1950er Jahre wurde eine Schwangerschaft nicht uneingeschränkt als freudiger Zustand gesehen. Geschichten über die „Kinderbringer“, wie den Klapperstorch oder die Tante mit der großen Tasche (Hebamme), sollten geheim halten, woher die Babys wirklich kamen. Wallende Kleider und unförmige Oberteile verdeckten optisch die Zeit der Schwangerschaft. Im Gegensatz zu heute versuchten die schwangeren Frauen, ihren dicker werdenden Bauch zu verstecken.

Schon vor 1900 kamen Schnürmieder zum Einsatz, die halfen, den Schwangerschaftsbauch so lange wie möglich unsichtbar zu machen. Insbesondere Dienstboten und Arbeiterinnen versuchten, ihre Schwangerschaft so lange wie möglich zu verstecken – aus Angst ihre Arbeit zu verlieren. So wurden Leibbinden oder auch auf eine Schnur gefädelte Holzplättchen über das Korsett um den Bauch geschnürt.

Erst seitdem die Fruchtbarkeit steuerbar geworden ist, beginnen die Frauen, ihre „anderen Umstände“ in der Öffentlichkeit zu zeigen, indem sie sie modisch hervorheben.