Große öffentliche Podiumsdiskussion

Donnerstag, 17. November 2016, 19.30 Uhr

„Parasit Mensch?! Perspektiven zur Zukunft unseres Planeten“

Es Diskutieren:

Dr. Tanja Busse (Journalistin und Philosophin)

Prälat Dr. Martin Dutzmann (Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Brüssel und Berlin)

Prof. Dr. Wolfang Schumacher (Biologe, Uni Bonn)

Simon Matzerath (Museumsdirektor Historisches Museum Saar, Saarbrücken).

Moderiert wird die Veranstaltung von Frau Mirja C. Bakker

Eine Kooperation mit der NRW-Stiftung Natur-Heimat-Kultur

Eintritt: 3 Euro

Kartenreservierung: 05231 99250 oder Mail

Parasit Mensch!?

Von Daniel Engeland

Dieser Weg wird kein leichter sein…

...der Song Xavier Naidoos sollte einst die deutschen Nationalkicker beflügeln, zurzeit könnte er aber genauso gut für unsere Zukunft stehen.

Manche Wissenschaftler meinen, dass die Menschheit mit voller Breitseite auf einen Eisberg zusteuert. Dies bedingt durch den Umgang der Spezies mit dem vorhandenen natürlichen Lebensraum. Eine Podiumsdiskussion im Lippischen Landesmuseum Detmold stellt die Frage, ob wir Menschen im Grunde der größte Parasit der Erde sind.

Parasiten. Wer kennt sie nicht? Kleine listige Tiere, die sich von anderen Lebewesen ernähren. Sie nisten sich ganz unauffällig an einem Wirt ein und entziehen diesem die Nährstoffe, die gerade benötigt werden. Der Parasit schwächt das Immunsystem seines Wirtes, zieht aber selbst einen Nutzen aus diesem. Dabei wird der Wirt zumeist nicht einmal getötet, er wird nur geschwächt, denn solange der Wirt lebt, kann sich der Parasit aus den Pool von Nährstoffen bedienen. Stirbt der Nährstoffüberbringer, bedeutet dies in der Regel auch gleichzeitig den Tod des Parasiten. Zusätzlich entwickelt der Parasit immer wieder neue verbesserte, sogenannte Parasitierungsmechanismen, um sich optimaler auf den Wirt einzustellen.

Diese typischen Merkmale treffen aber nicht auf jegliche Parasiten zu. Der Kuckuck, der deutschlandweit bekannte Vogel mit der individuellen Stimme, bedient sich bei anderen Vogelarten, um die eigene Fortpflanzung zu garantieren. Er legt seine Eier in fremden Brutplätzen ab und lässt diese von den dort heimischen Vögeln brüten. Der Nachwuchs des Kuckucks schlüpft dabei deutlich früher als die Nachkommen der anderen Art und zum Dank schmeißen die Jungtiere, die Eier ihrer „Leihmutter“ aus dem Nest.

Viel typischer für einen Parasiten ist da schon die kleine Zecke, die sich ohne bösen Hintergedanken an einem Körperteil einnistet und dem Immunsystem die Nährstoffe entnimmt. Kommt uns das nicht von irgendwo bekannt vor? Wir selbst entziehen, der Erde deren „Nährstoffe“, entnehmen ihr aus dem Boden viele Ressourcen wie das Erdöl oder roden Wälder, um zusätzlichen Lebensraum zu schaffen.

Alle nützlichen „Nährstoffe“ wollen wir der Erde natürlich nicht entnehmen, aber selbstverständlich so viele, wie nötig sind. Sollte dann doch einmal eine Ressource verbraucht sein, sucht der Mensch nach neuen Technologien zur Verbesserung der Ausbeutung. Sind wir demnach Parasiten und wenn ja welche Art von Parasit stellen wir dar?

Um dies herauszufinden, habe ich mich mit mehreren völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten befasst, die aufgrund ihres Arbeitsfeldes ganz eigene Perspektiven der Zukunft darlegen. Dies reicht vom streng gläubigen Katholiken bis hin zum offen denkenden Futuristen.

Martin Hein, Bischof der evangelischen Kirche, hat sich als einer der wenigen aus dem Bereich der Theologie mit den Fragen der Zukunft beschäftigt. Der theologische Ansatz sei es, das Wesen Gottes in der Bibel zu ergründen und den Schöpfer des Lebens gleichzeitig als einzige Quelle für die Zukunft zuzulassen. Da der Mensch nicht in der Lage sei, eigenständig den Sinn des Lebens zu verstehen, müsse sich auf die einzige Textquelle, die das Wort Gottes beinhaltet, bezogen werden: Die Bibel. Die Erwartung des Christen sei der Glauben an eine Zukunft der eigenen Art. Die Hoffnung hingegen stelle die Zuversicht in Gottes Handeln und eine damit einhergehende "gute Zukunft" dar. Dabei könne die Gesellschaft die auf uns zukommende Zeit beeinflussen, da der Mensch ein in Freiheit und Selbstständigkeit lebendes Wesen sei und der eigene Wille des Individuums für Veränderungen sorge. Im Grunde kann der gläubige Mensch also zuversichtlich auf Gottes Gnade und Liebe sein, sollte darüber hinaus aber den Plan des Schöpfers unterstützen. Laut einer Aussage von Papst Benedikt XVI, aus dem Januar 2009, sieht dieser die Zukunft des Planeten in Gefahr. Inmitten vieler kriegerischer Konflikte ist laut Benedikt kein Frieden in Sicht. Viele zusätzliche Probleme, wie die ansteigende Armut in Schwellenländern, aber auch innerhalb Europas, beschäftigten den Papst. Offensichtlich glaubt dieser nicht, dass die Lösungen allein im Worte Gottes liegen, sondern im Handeln des Menschen.

Nicht ganz unbegründet. Denn: Gleichsam des Bibelzitats „Macht euch die Erde untertan“ (Gen, 1,28), greift die Menschheit in ausgeprägtem Maße in die Natur ein. Unter der Herrschaft des Menschen sind grundlegende ökologische Veränderungen vonstatten gegangen. Angefangen hat dies schon unter den sesshaften Bauern der Jungsteinzeit, die mit der Bewirtschaftung des Landes in die Natur eingriffen und überhaupt erst das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum initiierten. Richtig erkennbar sind die Auswirkungen aber erst seit Anbeginn der Industrialisierung.

Das Fachmagazin „Science“ berichtete 2014 vom großen Artensterben. Demnach verschwinden durch die Einflussnahme des Menschen jährlich zwischen 11.000 und 58.000 Arten unwiederbringlich von der Landkarte. Die Tendenz steigend. Eines der bedrohten Tiere ist der Löwe. Obwohl dieser weltweit eine große Lobby besitzt, gibt es laut WWF nur noch 23.000 bis 35.000 Exemplare. In Westafrika sind es gar nur noch 500 Tiere. Ist eine Welt ohne eines der größten Raubtiere unserer Zeit überhaupt vorstellbar? Für viele nicht.

In China, einem Land was die USA als größte Wirtschaftsmacht ablöste, können sich die Bewohner von Großstädten wahrscheinlich ein Leben ohne Smog nicht mehr vorstellen. Zugleich schmelzen aufgrund der Erderwärmung die Eiskappen der Pole und erhöhen somit den Grundwasserspiegel. Bis 2100 soll der Grundwasserspiegel um über einen Meter ansteigen. Dann würde Hamburg, eine der bevölkerungsstärksten Städte Deutschlands, bei jeder größeren Sturmflut unter Wasser liegen.

Die fehlende nachhaltige Entwicklung zeigt sich besonders gut in den immer weiter anwachsenden „Mega-Citys“. Eine hohe Luftverschmutzung, eine unzureichende medizinische Versorgung und Überbevölkerung sind nur drei von vielen Problemen, die die fortschreitende Urbanisierung mit sich bringt.

Das prägnanteste Beispiel für die Urbanisierung der letzten Jahrzehnte stellt Mexiko Stadt dar. Eine der größten Metropolen der Welt hat seit den 50er–Jahren mit Bevölkerungswachstum zu tun. Allein zwischen 1950 und 1980 verdreifachte sich die Bevölkerungszahl von rund 3 Millionen Bewohnern auf knapp 9 Millionen. Das Ballungsgebiet rund um die eigentliche Hauptstadt mit bis zu 20 Millionen Menschen, ist dabei noch nicht einmal eingerechnet.

Es lassen sich bei einem Blick auf deutsche Großstädte, wie beispielsweise München, Parallelen erkennen. Die Anfrage nach Neumietwohnungen in der nach aktuellen Umfragen lebenswertesten Stadt Deutschlands ist enorm. Immer mehr Studenten und Arbeitnehmer zieht es in die Innenstadt. Die Erstbezugsmiete in München stieg zwischen 1995 bis 2015 kontinuierlich mit kleinen Preisschwankungen an. Während im Jahr 2005 die Nettokaltmiete nur zwischen 11 und 12 Euro pro m² pendelte, beträgt sie heute gut 18 Euro pro m².

Die Sicherung der Rente oder die Schaffung von Arbeitsplätzen sind nach repräsentativen Umfragen aus der Sicht der deutschen Bevölkerung aktuell die größten Probleme. Der Umweltschutz hingegen wird unter den Tisch gekehrt und rangiert lediglich auf Rang 13. Eine massive Problemverschiebung in den Köpfen der Deutschen! Denn: Die Ökologie besaß noch bis tief in die 80er–Jahre einen viel höheren Stellenwert. Der Umweltschutz stand damals mit 79% an erster Stelle. Darauf hatte der Zukunftsforscher Horst. W. Opaschowski in seinem Buch „Deutschland 2030“ hingewiesen. Dabei ist die Sicherung der Umwelt wichtiger denn je, die globale Erderwärmung ist keine Schwarzmalerei, sie ist Fakt und schon jetzt erkennbar. Zunehmend verändert der Mensch das Gleichgewicht der Natur und ist sich der Folgen kaum bewusst.

Die beiden, in ihrem Fachbereich einflussreichen Geologen Alfred Hollerbach und Ulrich Berner, schlugen schon vor einigen Jahren in eine Kerbe, die viel diskutiert wird. Beide teilen die Auffassung, dass die globale Erderwärmung zwar mitunter vom Menschen beeinflusst wird, dieser aber mitnichten der zentrale Faktor für den Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte sein muss. Sie begründen dies mit der in den letzten Jahrzehnten natürlich ansteigenden Sonnenenergieeinstrahlung. Die immer weiter ansteigenden Treibhausgase müssten demnach also nicht hauptverantwortlich für die Erderwärmung sein. Die klimatischen Bedingungen können nach Aussagen der beiden Wissenschaftler auch durch einen Emissionsrückgang nicht verändert werden, selbst wenn dies immer wieder öffentlich suggeriert wird.

Dagegen spricht Mojib Latif, der letztjährige Gewinner des Deutschen Umweltpreises und Klimaforscher, von einer „vollständig selbstverschuldeten globalen Erderwärmung“. Die Folgen des heutigen "Lifestyles" seien schon jetzt erkennbar und würden in den nächsten Jahrzehnten verstärkt auftreten.  

Werden uns zukünftige Technologien davon befreien?

Der Futurist Ray Kurzweil, der durch seine etwas anderen Zukunftsprognosen viele Leser fasziniert, veröffentlichte im Jahr 2014 eine Neuauflage des Werkes „Menschheit 2.0“. In diesem äußert bemerkenswerten Buch schildert Kurzweil das zukünftige Leben des Menschen im Jahr 2045 aus seiner Perspektive und hinterfragt den technologischen Fortschritt. Besonders interessant ist die These, dass der Mensch an seiner eigenen Technologie zu Grunde gehen kann. Kurzweil begründet dies auf Basis der Evolution. Schon 2020 sollen Neurocomputerchips die menschliche Denkleistung überbieten. Mit steigender Leistungsfähigkeit wird eine immer weiter fortschreitende Abhängigkeit zum Computer entstehen. Schon bald wird der Punkt erreicht sein, an dem ein Leben ohne modernste Technik nicht mehr möglich ist. Das bedeutet letztlich auch den unbewussten Verlust der eigenen Selbstständigkeit hin zu einem Abhängigkeitsverhältnis. Ab den 2030er-Jahren soll es die „künstliche Intelligenz“ geben. Ein „selbstständig denkender Computer“, der die Expertise des Menschen mit Leichtigkeit überbietet. Diese Technologie könnte die Gesellschaft grundsätzlich verändern. Die neuartige Maschine ist in der Lage sich selbstständig Wissen anzueignen und eigene Lösungsansätze zu entwickeln. Da der Mensch diesen Prozess nur noch schwerlich beeinflussen kann und das technische „Know-How“ exponentiell steigt. Kann es also irgendwann zu dem Punkt kommen, an dem die Maschinen erkennen, dass der Mensch in Wirklichkeit von ihnen abhängig ist und sie ihn eigentlich gar nicht brauchen? Eine Entwicklung hin zur vollständigen Technisierung und Digitalisierung, die darin enden wird, dass sich die vermeintlich höhere Evolutionsstufe, in diesem Fall die Maschinen, durchsetzen. Durchaus möglich also, dass die heutigen Probleme durch neuartige Technologien verschwinden, vielleicht verschwinden aber auch wir mit ihnen.

Beispielsweise beginnt der amerikanische Fahrdienst Uber laut dem Bloomberger Finanzdienst schon jetzt mit der Nutzung von selbstfahrenden Autos. Auch LKWs werden in naher Zukunft von dem Autopiloten gefahren. Wohin diese Entwicklung führt, muss sich jedoch erst zeigen.

Lange Rede kurzer Sinn...

...Die Menschheit, ausgenommen einzelner Individuen, erfüllt alle Parameter eines parasitären Verhaltens. Zum einen beutet sie ihren Wirt aus, von dem sie selbst abhängig ist und zum anderen entwickelt sie ständig bessere Parasitierungsmechanismen zur Verbesserung der Ausbeutung. Wir müssen uns über die katastrophalen Folgen bewusst sein, wenn wir unseren Wirt weiter schwächen und dies unreflektiert in Kauf nehmen. Oder wir machen einen anderen Wirt ausfindig, der in der unendlichen Weite des Weltraums schlummert. Viel Glück dabei!

Der Mensch hat binnen weniger Jahrtausende die Erdgeschichte so geprägt, wie noch keine Spezies zuvor. Der Zeitraum, den der Mensch benötigte, um zum größten Parasiten der Erde zu werden, ist einmalig. Hat der Mensch am Ende das Gleichgewicht der Erde mit seinem Verhalten so durcheinander gebracht, dass das Leben für die kommenden Generationen nicht mehr lebenswert sein wird? Wir sollten darüber nachdenken und alternative Wege berücksichtigen.  

Für zahlreiche Unterstützung und hilfreiche Lektüre herzlichen Dank an Simon Matzerath